Da machste Ohren - Meine Erfahrung mit Bone Conducting Headphones

🎧 Maximilian Röttgen, — 4 Minuten Lesezeit

Seit ein paar Jahren liebäugele ich damit, mir auch mal Kopfhörer anzuschaffen, die ANC, also Active Noise Cancelling, können. Als jemand, der beim Arbeiten, Reisen und generellen Existieren gerne seine Ruhe hat, schienen Kopfhörer, die die Umgebung auf Knopfdruck stumm schalten eine feine Sache zu sein.

Bild eines Plattenspielers

Stattdessen habe ich mich für das polare Gegenteil von ANC-Kopfhörern entschieden: Vor einer Woche habe ich mir die AfterShokz Aeropex zugelegt. Was klingt wie der Gamertag eines 13-jährigen, der in Fortnite Mütter beleidigt, sind in Realität Kopfhörer, die anstatt auf den Ohren auf den Wangenknochen sitzen. Dort übertragen sie den Klang per Knochenschall – daher die Bezeichnung Bone Conducting (BC). Der Vorteil des Ganzen ist, dass die Ohren frei bleiben. So bekommt man immer mit, was um einen herum passiert.

Eine willkommene Abwechslung permalink

Bisher habe ich bei der Auswahl meiner Kopfhörer darauf geachtet, dass man im „Notfall“ nervige Umgebungsgeräusche halbwegs unterdrücken kann. Für unterwegs hatte ich meine Jabra Elite Active 65t und am PC zu Hause die viel gelobten Audio Technica ATH-M50x im Einsatz. Der „HearThrough“-Modus der ersteren, bei denen Umgebungsgeräusche über die Mikrofone ans Ohr weitergeleitet werden sollen, ist grauenvoll und eignet sich nicht einmal für Gespräche in einem ruhigen Raum, die M50x bieten so etwas gar nicht erst an.

Entsprechend habe ich mich in den letzten Jahren daran gewöhnt, dass ich meine Umgebung (wenn überhaupt) nur dumpf und vernuschelt zu hören bekomme und meine Kopfhörer abnehmen muss, wenn ich meine Umgebung hören oder sogar mit meinen Mitmenschen reden möchte. 🙄😬

Dank den BC-Kopfhörern ab jetzt nicht mehr. Mein Alltag hat sich nämlich überraschend stark geändert, jetzt wo ich zur Abwechslung mal die Ohren freihabe.

Mitbewohner, ick hör dir trapsen permalink

Mein Mitbewohner und ich erschrecken uns regelmäßig versehentlich gegenseitig dadurch, dass wir beim Kochen oder Essen Kopfhörer aufhaben und entsprechend trotz knarrender Dielen nicht mitbekommen, wenn sich der Wohnungsgenosse nähert. Das kann mir jetzt nicht mehr passieren! Oder zumindest muss man sich nun Mühe geben, um sich unbemerkt an mich heranzupirschen.

Auch Musik oder Podcasts beim Kochen zu hören, fühlt sich mit BC-Kopfhörern wesentlich ungefährlicher an. Denn jetzt bekomme ich ja mit, wenn etwas mehr brutzelt als es sollte.

Mit Gehör im Nahverkehr permalink

Für das tägliche Pendeln mit Bus und Bahn bevorzuge ich nach wie vor meine Jabras. Es ist weder angenehm noch notwendig, auf einer Strecke, die man auswendig kennt, Umgebungsgeräusche mitzubekommen. Außerdem sind völlig kabellose Kopfhörer einfach die komfortabelste Lösung, um unterwegs Musik zu hören. Allerdings muss ich für das Reisen auf neuen oder unbekannten Routen sagen, dass es super cool ist, nicht bei jedem Halt panisch nach dem Namen der Haltestelle suchen zu müssen.

Für meine Masterarbeit war ich zum Beispiel mit der Bahn unterwegs nach Heinsberg. Dadurch, dass meine Ohren mir (trotz Podcast) zur Verfügung standen, konnte ich gemütlich reisen – ohne Sorge, meinen Ausstieg zu verpassen.

Zu Fuß unterwegs permalink

Wusstet ihr, dass es super viele schöne Klänge gibt, die man beim Zufußgehen mit „besetzten“ Ohren verpasst? – Ich auch nicht. Beziehungsweise, mir war nicht wirklich bewusst, was ich verpasse. Es mag der Romantiker in mir sein, aber zwitschernde Vögel, lachende Kinder, rauschende Blätter… Ohne es wirklich zu bemerken, habe ich mich über Jahre um einige wirklich schöne Sinneseindrücke gebracht.

Und sicherer im Straßenverkehr ist es natürlich auch, wenn man einen Sinn mehr im Einsatz hat als sonst.

Abschließend permalink

Gerade für jemanden wie mich, der den Großteil seiner Lebenszeit vor dem Computerbildschirm verbringt, würde ich es wärmstens empfehlen, die Ohren ab und an mal von Kopfhörern zu befreien oder BC-Kopfhörer auszuprobieren. Dadurch, dass sich mein haptisches Erlebnis oft für Stunden auf das Bedienen von Maus und Tastatur beschränkt, ist es immer wieder eine unerwartet große Freude, zumindest analoge akustische Reize zu verarbeiten – sei es das Tippen auf der mechanischen Tastatur oder die dumpfen Unterhaltungen von Passanten. Freie Ohren laden dazu ein, achtsam der Umgebung zu lauschen, und helfen mir, meinem Hirn zwischendurch auch mal eine Lauschpause zu gönnen, statt völlig abgeschottet und rastlos vor sich hin zu rattern.