Cyberpunk 2077 – Warum ich es genießen kann und ihr nicht

🦾 Maximilian Röttgen, — 15 Minuten Lesezeit

Ein paar Worte vorab permalink

CD Project Red (CDPR) hat mit dem gewaltigen Werbeaufwand und der phänomenalen PR-Arbeit im Vorfeld zum Launch ihres neusten Spiels, Cyberpunk 2077, den Weg für das Fiasko bereitet, in dem das Unternehmen gerade steckt. In diesem Blogpost möchte ich also keinesfalls die groben Patzer von Cyberpunk 2077 verteidigen. Stattdessen widme ich mich einer Tatsache, die mir ein Rätsel aufgibt: Warum ist Cyberpunk 2077 für mich das Spiel, was ich haben wollte (und für so viele andere nicht) ?

Promo-Material der E3 2018, V steht angelehnt an sein Auto vor einer futuristischen Stadtszene

Eine weitere Bemerkung vorab, dann geht es los: CDPR hat, zum Beispiel was die last-gen Konsolenausgabe angeht, Aussagen getroffen, die sich als missverständlich (oder wie es das halbe Internet formuliert: „bewusst irreführend“) herausgestellt haben. Spieler:innen, die Cyberpunk für die letzte Konsolengeneration gekauft haben und nach Rückhalt für ihre völlig gerechtfertigte Enttäuschung suchen, möchte ich an dieser Stelle eine Art Triggerwarnung geben. Denn dieser Blogpost wurde von einem PC-Spieler geschrieben. Falls die Berichte zum Zustand des Spiels auf euren Systemen nicht massiv übertrieben sind, werden wir stark unterschiedliche Wahrnehmungen zu Cyberpunk 2077 haben. In diesem Post geht es um meine eigenen Erfahrungen, eure Wahrnehmung des Spiels ist genauso wahr und gültig. Ich möchte sie weder in Frage stellen, noch euch davon Überzeugen, dass ihr Cyberpunk 2077 lieben solltet. Im Gegenteil: Nervt CDPR meinetwegen so lange, bis ihr eine Rückerstattung oder ein funktionierendes Spiel für euer Geld bekommt.

Genug der Vorrede, jetzt zur Sache: Warum kann ich Cyperpunk 2077 genießen und ihr nicht?

Für eilige Leser:innen gibt es ein tl;dr am Ende

Erwartungen, Hype und Vorbestellungen permalink

Hatte ich vielleicht einfach eine andere Erwartungshaltung als der Rest des Internets, weil ich mich mit der Vorbestellung zurückgehalten und bis zum Release alles kritisch hinterfragt habe, was von CDPR zum Spiel kommuniziert wurde? So gern ich das von mir behaupten würde, muss ich sagen, dass ich dem Cyberpunk 2077-Hypetrain komplett erlegen bin. Ich habe gespannt auf jede Episode Night City Wire gewartet, alle Episoden mehrfach geschaut, inklusive Reaction-Videos von meinen Lieblings-YouTubern. Hinzu kommt, dass ich als mehrfacher Vorbesteller der ersten Stunde (GOG und Stadia) mit Sicherheit nicht ganz unschuldig daran bin, dass es den Entscheider:innen bei CDPR leichter gefallen ist, das Spiel ohne das CDPR-typische „Polishing“ zu veröffentlichen.

Ankündigungsbild eines Night City Wire Specials

Zwar habe ich im Vorfeld spekuliert, dass Cyberpunk 2077 womöglich das erste unbefriedigende oder das letzte herausragende Spiel von CDPR sein könnte[1], aber das hat mich nicht davon abgehalten, das Beste zu hoffen und meine hart verdienten Eddies Euros in Cyberpunk 2077-Vorbestellungen und CDPR-Stocks zu investieren. Am Ende hat bei mir die wahnsinnige Vorfreude über die dunkle Vorahnung gesiegt. Mit anderen Worten: Ich war nicht nur Passagier im Hype-Train, sondern habe mich im Bord-Bistro in freudiger Erwartung mit Rotkäppchensekt weggeschossen.

Die Überlegenheit des Gaming-PCs permalink

Liegt meine bessere Spielerfahrung vielleicht an meiner gewählten Konsole (bzw. nicht-Konsole)? Prangt unter meinem Schreibtisch der Ultra-Giga-Gaming-PC, mit dem ich – im Gegensatz zu XBox- oder PS4-Spieler:innen – die unfassbaren grafischen Möglichkeiten von Cyberpunk 2077 bei spielbaren Frames-per-Second (FPS) genieße? – Wieder nein, wieder leider.

Mein System hat mit einer GTX 970 GPU und Skylake i5 CPU gerade so genug Power, dass ich bei 1080p unter niedrigen bis mittleren Einstellungen 25-30 FPS bekomme. Damit bin ich performance-technisch sicherlich besser aufgestellt als Konsolenspieler:innen der letzten Generation, ein Unterschied wie Tag und Nacht ist es jedoch vermutlich nicht. Gerade auf der Straße vor V’s Apartment geht meine Technik regelmäßig in die Knie und beschert mir eine Diashow mit 15-20 FPS.

Schmälert das meinen Spaß am Spiel? Vielleicht ein bisschen, keine Ahnung. Ich habe nicht wirklich mehr von meinem last-gen Gaming-PC erwartet und bei einem Single-Player-Titel, bei dem mir keine Dark Souls-esquen Skills abverlangt werden, brauche ich ehrlich gesagt auch nicht mehr FPS. Vielleicht habe ich in dieser Hinsicht einfach niedrigere Ansprüche oder kann besser einschätzen, was meine Hardware leisten kann und was nicht.

Bugs, Bugs, Bugs permalink

Neben der schlechten Performance auf der alten Konsolengeneration scheinen viele Spieler:innen unzufrieden mit Cyberpunk 2077 zu sein, weil sie im Spiel ständig auf Bugs treffen, die sie aus der Immersion reißen. Meine Vermutung ist, dass ich mit meinen zarten 25 Jahren zu alt bin, um das nachvollziehen zu können. Immersion ist aus meiner Sicht etwas, das nicht das Spiel liefert, sondern die einzelnen Spieler:innen. Letztendlich sind Games (für mich) nicht mehr als sehr komplexes Spielzeug, im Falle von Cyberpunk eben Spielzeug für „Erwachsene“ wie mich. Ich möchte das anhand von zwei Punkten verdeutlichen:

Punkt eins – Als Spielleiter von Pen & Paper Rollenspielen liefere ich nicht die Immersion, sondern den Spielplatz, auf dem die Spieler:innen als (oder mit) Charakter handeln und sich dabei willentlich in die Immersion begeben. Und dass man dabei ab und zu aus der Immersion aussteigt, weil etwas Absurdes passiert, man außerhalb des Spiels etwas zu besprechen hat oder die Pizza geliefert wird, dann tut das der Spielerfahrung an sich keinen Abbruch. Und das gilt für jede Art von Spiel. Wer etwas anderes behauptet, der nimmt das „Spielen“ meiner Meinung nach viel zu ernst und sollte kritisch hinterfragen, ob überhaupt ein Bedürfnis besteht, zu spielen bzw. dem eigenen Spieltrieb zu frönen[2]. Siehe dazu auch dieser Artikel hier.

Punkt zwei – Mein erstes richtiges Rollenspiel, das ich wohl so mit etwa 13 oder 14 Jahren gespielt habe, war „Star Wars: Knights of the Old Republic II – The Sith Lords“. Ein dermaßen kaputtes und unvollständiges Spiel, dass den meisten (die alt genug sind) eher der erste Teil der Serie in Erinnerung geblieben sein dürfte[3].

Ich habe damals natürlich auch bemerkt, dass es im Spiel unbenutzbare Türen gibt, hinter denen laut Karte noch etwas sein muss, dass das Podracing-Minigame komplett verbuggt und unmöglich zu steuern ist oder dass die Gesprächsverläufe mit meinen Crew-Mitgliedern manchmal seltsam im Sand verlaufen. Die regelmäßigen Abstürze und die schandhaft dämliche KI sind mir ebenso in Erinnerung geblieben wie die Tatsache, dass sich das Spiel unter neueren Betriebssystemen als Windows XP gar nicht erst ohne Weiteres starten lies. Trotzdem ist es eins der besten Spiele, an die ich mich erinnere. Ich bin stundenlang im Arbeitszimmer meiner Großeltern an Opas Laptop in die unglaublich dichte, atmosphärische Spielwelt abgetaucht. Nicht, dass ich das Spiel so gespielt hätte, wie die Entwickler es vorgesehen haben. Ich habe mir spätestens ab dem zweiten Playthrough gleich zu Anfang ein Lichtschwert und ein paar Level ercheatet, um die Power-Fantasy, die mein 13-jähriges ich gebraucht hat, sofort ausleben zu können. Ich habe viel zu viele Mods installiert, um noch mehr abgefahrene Macht-Kräfte, Items und Fertigkeiten zu bekommen. Ich habe die Anfangsumgebung stundenlang auf lustige Glitches und Fehlerchen abgesucht, die passieren können. Das war für mich damals fast so aufregend wie das Spiel selbst, auch wenn ich dabei die ein oder andere Spielstands-Datei korrumpiert habe. Kurzum: Statt das Spiel zu spielen habe ich mit dem Spiel gespielt. Dessen „Kaputtheit“ hat mich erst dazu angestiftet und es war wundervoll.

Ein Screenshot aus Cyberpunk 2077. Ein NPC steht in T-Pose bis zu den Knien in einem Sofa

Wenn es also in Cyberpunk 2077 plötzlich Autos regnet, NPCs ihre Dominanz durch angestrengtes T-Posen zeigen oder ich mal out-of-bounds glitche, dann ist das zwar ein bisschen irritierend für mich, aber kein Grund, das Spiel wegzulegen. Und auch nichts, was meiner Spielerfahrung einen nachhaltigen Abbruch tut. Im besten Fall sind Bugs und Glitches ein kurzer Lacher oder ein Bonusrätsel für meinen inneren 13-jährigen, der sich, wo er schon einmal da ist, gleich ein wenig out-of-bounds umschaut, oder testet, ob man nicht mit einer richtig platzierten Granate wieder in-bounds kommen kann. Im schlechtesten Fall muss ich eben den letzten Speicherpunkt neu laden oder das Spiel neu starten. No biggie, wie Logic sagen würde.

Der männliche V macht (mir) weniger Spaß permalink

Okay, hier kommt ein weirder Punkt. Mich würde interessieren, welcher Anteil der enttäuschten Spieler:innen einen männlichen Charakter gewählt hat. Für mich war irgendwie relativ schnell klar, dass ich Night City als weiblicher Charakter mit Corpo-Hintergrund betreten will. Eine taffe Business-Lady, die sich gegen die Corps wendet, nachdem sie von ihrem Unternehmen verraten wurde und deren Corpo-Herz aus Eis langsam erweicht, klingt genau nach der Geschichte, die ich in Cyberpunk 2077 erleben wollte und bekommen habe.

Meine Alternative wäre ein männliches Street-Kid gewesen, das sich durch seine Rücksichtslosigkeit, Unberechenbarkeit und Brutalität einen Night City-weiten (schändlichen) Ruf verschafft. Was bin ich froh, die andere Route gewählt zu haben. Viele Story-Elemente am Anfang funktionieren als weiblicher Corpo meiner Meinung nach sehr viel besser.

Die ersten Spielstunden wird man von Jackie Wells begleitet, einem liebenswerten Hünen, der es sich zum Ziel gesetzt hat, in Night City in die „Major Leagues“, wie er es nennt, aufzusteigen. Wie gut das für meine beiden Varianten (die ich beide natürlich ausprobiert habe) funktioniert, beschreibe ich nun.

Start als weiblicher Corpo permalink

Erste Spielszene als Corpo. V schaut in einen Spiegel und telefoniert mit Jackie

Als Corpo ist Jackie der erste Charakter, mit dem man interagiert. Man lernt ihn als sehr fürsorglichen Menschen kennen, man bekommt von Anfang an das Gefühl, dass V und Jackie einander viel bedeuten. Jackie hat sich deshalb in meinen ersten Spielstunden sehr schnell zum beschützenden „großen Bruder“ in der Wahlfamilie meiner V entwickelt. Der muskelbepackte Hüne mit dem sanften Lächeln, der sich um seine kleine Schwester in der großen, bösen Megacorporation Arasaka sorgt. V kommt deshalb mit dem selbstmörderischen Auftrag, der sie in eine komplett aussichtslose Situation bringt, logischerweise genau zu ihm. Das Spiel bestärkt Jackies Bild als beschützender Bruder relativ durchgehend, bis hin zum großen Gig für Dexter DeShawn, bei dem er sein tragisches, vorzeitiges Ende findet. Ein Tod, nachdem ich erst im Spiel Delamain gebeten habe, mir eine Minute zu lassen und das Spiel anschließend sogar einen Moment komplett pausiert habe. Den ersten Moment brauchte ich zum Verdauen, den zweiten zum Überlegen, wie die Entwickler:innen von CDPR es wohl geschafft haben, dass ich nach nicht einmal zehn Spielstunden V’s Trauer um Jackie so gut mitempfinden kann. Überflüssig zu sagen: Mich hat das schwer beeindruckt.

Start als männliches Street-Kid permalink

Screenshot aus dem Spiel. Zu sehen ist Jackie in selbstbewusster Pose, während die Dialogoptionen "We buddies all of a sudden?" und "Lunch?" angezeigt werden. Ein Graffitti links im Bild lautet "I did not write this"

Kontrastprogramm beim männlichen Street-Kid, das ich auf Stadia angefangen habe: Schon allein der große Bruder-Archetyp hat für mich hier so gar nicht funktioniert. Man beginnt als Street-Kid in der Bar von Pepe, der im weiteren Verlauf in ein paar Sidequests auftaucht. V kippt (optional) nen Kurzen zur Betäubung, richtet die gebrochene Nase und wird auf die erste Quest geschickt. Irgendwas für irgendwen regeln, weil sonst Pepes Beine gebrochen werden. Das hat mich nicht nur nicht mitgerissen, sondern etabliert V auch noch als hypermaskulinen Alleingänger, der seine belanglos scheinenden Gangprobleme meistens mit wohlplatzierten Kopfnüssen oder Macho-Gangstergebrabbel löst. Das ändert sich den Prolog über praktisch nicht. Street-Kid V wird vorgestellt als generischer, unsympathischer Prolet. Das Schlimmste: Ich als Spieler kann nichts dagegen tun. Sidekick Jackie stößt dann relativ beliebig am Ende vom Prolog dazu und ist in den ersten Momenten nicht einmal besonders hilfreich. Stattdessen wird er als Widersacher vorgestellt, wegen dem statt Pepe nun V beinahe mit gebrochenen Beinen im Meer landet. Nur ein paar Momente tut Jackie so, als wären V und er beste Freunde #bffs4eva. Als Spieler:in hat man erneut keinen Einfluss, darf dafür aber V die offensichtliche Schwäche des Writings ansprechen lassen: „We buddies all of a sudden?“. Als hätten sogar die Autor:innen gewusst, dass die Motivation, sich hier mit Jackie anzufreunden, praktisch nicht vorhanden ist.[4] Der sympathische Hüne ist für Street-Kid V kein großer, beschützender Bruder, sondern eben nur der Sidekick, um den man nie gebeten hat. Das kann auch der Buddy-Movie-Zeitraffer nicht retten. Jackie ist einfach nur immer irgendwie dabei, bis er beim Gig für Dexter DeShawn sein vorzeitiges Ende findet. Ein Tod, das mir das Gefühl gibt, ich hätte ihn wohl tragisch finden sollen.

Screenshot aus dem Spiel. Im Bild ist die Rückbank des Delamain-Taxis, darauf zusammengesunken der frisch verstorbene Jackie. V legt ihm die Hand auf die leblose Schulter. Im Untertitel sagt V "See ya in the major leagues, Jack".

Im weiteren Spiel hatte ich einige Stellen, bei denen ich mich gefragt habe, ob sie wohl mit einem männlichen Hauptcharakter – gerade in der hypermaskulinen Street-Kid-Variante – ähnlich eindrucksvoll gewesen wären, wie zum Beispiel die Interaktionen mit Panam oder Judy. Nicht zuletzt gefällt mir Cherami Leigh, die englische Synchronstimme von der weiblichen V ein wenig besser als der männliche Counterpart von Gavin Drea.

Ich bin mir also einigermaßen sicher, dass die Wahl von Geschlecht und Hintergrund die Spielerfahrung beeinflussen, bzw. meine Spielerfahrung bei einer anderen Wahl negativ beeinflusst hätten.

(Social) Media Abstinenz zur richtigen Zeit permalink

Den vermutlich größten Einfluss auf meinen Spielspaß mit Cyberpunk 2077 hatte meiner Vermutung nach aber etwas völlig anderes. Im September 2020 habe ich sowohl Twitter als auch Reddit von meinem Handy verbannt. Zusätzlich habe ich, sobald CDPR Review-Exemplare herausgegeben hatte, aufgehört, Nachrichtenartikel über das Spiel anzuklicken und versucht, selbst die Überschrift nicht aktiv zu lesen. Ich wollte auf keinen Fall gespoilert werden.

Ein Ankündigungstext im Stil der Meldungen, mit dem CDPR verschobene Releases angekündigt hat. Zu lesen ist der Text von Rick Astleys "Never Gonna Give You Up"

So hatte ich niemanden, der meine Meinung über das Spiel bestimmen konnte, bevor ich es nicht selbst gespielt hatte. Mal von der ein oder anderen Unterhaltung mit Freunden abgesehen (immerhin spielen jetzt, also Weihnachten 2020, alle Cyberpunk 2077). Hätte ich am Launch Tag Reddit oder Twitter geöffnet, wäre ich (vermutlich) mit negativen Meldungen überschüttet worden, und wäre wie viele andere schon mit der Vorannahme „Cyberpunk ist kaputt und enttäuschend“ in das Spiel gestartet. Was schade gewesen wäre. Denn wer erwartet, enttäuscht zu werden oder auf Bugs zu stoßen, der findet auch mehr. Und wer mehr Bugs findet oder ebenfalls enttäuscht ist, wird das wahrscheinlich auch im Internet posten oder entsprechende Posts bestärken. Der Kenner erkennt: Ein Teufelskreis.

Was ich aus dieser Erfahrung mitnehme permalink

Ins Schreiben dieses Posts bin ich mit der Frage gestartet, warum Cyberpunk 2077 für mich – im Gegensatz zu vielen anderen – das Spiel ist, das ich haben wollte. In diesem Beitrag habe ich ein paar mögliche Erklärungen diskutiert, warum das so sein könnte. Der erste Verdacht war, dass ich eine andere/niedrigere Erwartungshaltung hatte als die Mehrheit der Spieler:innen – dem war eher nicht so. Auch an der Tatsache, dass ich durch die Plattform eine maßgeblich andere Erfahrung hatte wird es weniger gelegen haben. Übrig bleiben drei Punkte, die vermutlich meine Wahrnehmung des Spiels (im Vergleich zu anderen Spieler:innen) positiv beeinflusst:

  1. Die Tatsache, dass ich zum richtigen Zeitpunkt aus den sozialen Medien und spielebezogenen Nachrichten ausgestiegen bin und dadurch unvoreingenommen (bzw. mit meinen positiven Erwartungen) spielen konnte
  2. Das Spielen mit dem Spiel, statt Spielen des Spiels. Dadurch hatte ich während des Spielens nicht die Rolle des Kritikers, sondern habe meinen Spieltrieb ausgelebt.
  3. Mein Glück, bei der Charaktererstellung die „richtigen“ Entscheidungen getroffen zu haben.

Am spannendsten für mich ist Punkt eins. Scheinbar gilt, zumindest wenn es um den Konsum von Unterhaltungsmedien geht, dass Ignoranz ein Segen ist. Wenn ich also noch einmal auf etwas so viel Bock habe wie auf Cyberpunk 2077, dann werde ich mich hoffentlich an diesen Post erinnern und erst im Nachhinein Kritiken lesen und mich in Communities herumtreiben.

Punkt zwei ist mit Sicherheit eine Frage der persönlichen Einstellung. Hier bin ich eigentlich eher glücklich, wieder etwas über mich gelernt zu haben. Vielleicht führt meine Überlegung ja dazu, dass der eine oder die andere Leser:in selbst darüber ins Philosophieren kommt, wie die persönliche Einstellung zum Spielen ist. Falls dabei Geistesblitze auftauchen, freue ich mich, auf Twitter davon zu erfahren.

Der letzte Punkt ist schön für mich. Glück gehabt. Allerdings sollte er auch dem Team bei CDPR zu denken geben. Auch, wenn meine Erfahrung definitiv nicht repräsentativ ist – irgendwie ist es ja doof, es dem Zufall zu überlassen, ob Spieler:innen einen guten oder generischen Start ins Spiel haben.

So oder so bin ich zuversichtlich, dass CDPR in den kommenden Monaten und Jahren für Cyberpunk 2077 das tun wird, was Bioware bei meinem erstes Rollenspiel der Community überlassen hat: Bugs schließen, Inhalte nachbessern und das Spiel zu dem Meilenstein aufwerten, der es hätte von Anfang an sein sollen.


  1. Ich wünschte, ich hätte es getwittert, dann könnte ich jetzt mit stolzer Brust sagen „I told you so“ ↩︎

  2. Mir ist bewusst, dass es, vor allem im P&P-Bereich, Rollenspieler gibt, die das komplett anders sehen und etwas anderes als realistisches, regelgetreues, beinahe simulatives Rollenspiel gar nicht als solches bezeichnen würden. Spielen ist eben für jeden etwas anderes. Und meiner Meinung nach spielen diese Menschen etwa so sehr, wie jemand spielt, der detailgetreue Modelleisenbahnen baut. Siehe die „Train Wars“ aus Brooklyn 99. ↩︎

  3. Mittlerweile ist das Spiel übrigens dank der Steam Version und einigen Moddern durchaus spielenswert. ↩︎

  4. Getoppt wird das noch vom Meta-Meta-Kommentar im Graffitti links davon: „I did not write this“. Zufall? – Vermutlich schon. Trotzdem irgendwie passend. ↩︎