LBRY - Vor- und Nachteile inhaltlicher Neutralität

📗 Maximilian Röttgen, — 6 Minuten Lesezeit

Als technisch interessierter begeisterter Mensch gehe ich ab und zu im Internet auf die Suche nach hippen neuen Tech-Dingen. Seien es soziale Netzwerke, Frontend-Frameworks oder Content-Plattformen. So auch, als ich auf der Suche war, was es denn neben dem Platzhirsch YouTube so an Videoplattformen gibt. Klar, man kennt Vimeo, DailyMotion und Konsorten. Die waren mir aber zu alt und zu langweilig.

Weil Crypto und Blockchain der neue heiße Scheiß sind, gibt es seit einiger Zeit Videoplattformen, die „irgendwas mit Blockchain“ machen und sich zum nächsten YouTube™ erklären. Die beiden größten, mir bekannten, sind D.Tube und LBRY. Und weil D.Tube scheinbar hauptsächlich versucht, YouTube nachzubauen, hab ich mir LBRY genauer angeschaut.

Das Prinzip von LBRY permalink

Das Prinzip von LBRY ist ziemlich simpel, am besten erklärt wird es allerdings trotzdem von denen, die sich den ganzen Bums ausgedacht haben: Video auf LBRY (das erste LBRY-Video, wie aufregend)

Die Kurzfassung geht ungefähr so:

  • Die Inhalte liegen verteilt in einem Data Network und werden ĂĽber eine Distributed Hash-Table (DHT) adressiert

  • In der Blockchain liegen die Informationen, welche Inhalte es so gibt (quasi das Adressbuch fĂĽr das Data Network), Metadaten (Videotitel, -beschreibung, etc.) und Transaktionsinformationen

  • Es gibt eine Cryptowährung: LBRY-Credits (LBC)

  • Mit LBC zahlen Nutzer:innen Claims auf

    • ihre Kanalnamen, unter denen sie Inhalte veröffentlichen wollen

    • ihre Inhalte, die sie im Netzwerk bereitstellen

      Genau genommen zahlt man die Claims auf die jeweiligen Adressen im Netzwerk, Details dazu im Video oben

  • Das besondere an Claims ist, dass sie zurĂĽckgenommen werden können

  • Content Creator:innen können ihre Inhalte optional gegen LBC anbieten, der meiste Content ist aktuell aber kostenlos abrufbar

  • Konsument:innen können ihre Lieblingskanäle bzw. deren Inhalte auf zwei(-einhalb) Arten unterstĂĽtzen

    • Repostings auf dem eigenen Kanal (wie Retweets bei Twitter)
    • Support-Claims: Nutzer können entweder dauerhaft (die LBC werden an die Content Creator:innen ĂĽberschrieben) oder vorläufig einem Kanal oder Inhalt gutschreiben, um sie finanziell zu unterstĂĽtzen bzw. die Reichweite zu erhöhen.
  • Nutzer:innen erhalten ab und an LBC durch ein Belohnungssystem

Das große, übergeordnete Ziel von LBRY ist es, dass die Plattform ohne zentrale Autorität funktioniert und den Nutzer:innen dadurch mehr Freiheit bietet. Außerdem können bei LBRY nicht nur Videos, sondern auch Bilder und Texte als Markdown veröffentlicht werden.

Ein kleines Beispiel permalink

Das klingt alles komplizierter, als es ist. Hier ein Beispiel:

Ich habe mich bei LBRY mit meiner E-Mail registriert, im Belohnungssystem ein paar Aufgaben erledigt und bin stolzer Besitzer von ein paar LBC geworden. Mit denen habe ich mir die Kanalnamen @Travl und @haqfleisch gesichert. Aus reiner Neugierde, wie das alles so geht, habe ich dann angefangen, auf dem Kanal @Travl ein paar Landschaftsfotos hochzuladen, die ich mal im Urlaub geschossen habe.

Dazu musste ich ebenfalls ein paar LBRY-Credits hinterlegen, um mir die Adressen zu sichern. Wenn Martin jetzt auch Lust bekommt, unter dem Namen Travl Urlaubsbilder auf LBRY zu posten, kann er meinen Claim von 2.5 LBC auf den Kanalnamen Travl überbieten und wird damit der neue „OG“ @Travl. Mein Content bleibt aber trotzdem erhalten und meine (hypothetischen) Fans könnten ihre LBC dazu nutzen, meinen Kanal wieder zum OG @Travl zu machen. Genauso funktioniert es mit den URIs von Inhalten. Für die technische Erklärung einfach das Video oben ab 11:01 anschauen.

Das kann man gut am berühmt-berüchtigten YouTuber PewDiePie nachvollziehen. Der hat zwar keinen offiziellen Kanal auf LBRY, aber wenn man ihn sucht, sieht man trotzdem diese „Top Claims“:

Screenshot aus LBRY, zu sehen viele Kanäle unter dem Namen @PewDiePie mit unterschiedlicher Menge von LBC

Eigentlich mag ich LBRY permalink

Insgesamt finde ich das Konzept hinter LBRY ziemlich cool. Ich mag freie Meinungsäußerung, finde das Prinzip der Claims eine spannende Alternative zur allgemeinen Nickname-Knappheit und halte es für absolut großartig, dass man auf LBRY auch Markdown-Artikel veröffentlichen kann. Ich kann mir gut vorstellen, dass LBRY sich als YouTube-Konkurrent etablieren kann, wenn genug Content-Creator:innen zu LBRY wechseln oder ihre Inhalte zumindest mit LBRY-Sync auf beiden Plattformen verfügbar sind.

Trotzdem glaube ich, dass LBRY ein gewaltiges Problem lösen muss, bevor das wirklich passieren kann.

LBRY und SchwurbelscheiĂźe permalink

Wenn man LBRY zum ersten Mal öffnet und sich nichtsahnend durchklickt, wird relativ schnell klar, welche Sorte Mensch sich von dem Versprechen der absoluten Meinungsfreiheit angezogen fühlt. Hier ein kleiner Einblick, wie die Rubrik Top Content Today auf der LBRY-Startseite aktuell für nicht eingeloggte User:innen aussieht.

Verschiedene Videothumbnails

Nach einem starken Einstieg mit 9/11 Verschwörungsmythen gibt es eine merkwürdig christlich-fundamentalistische Nachrichtenshow mit Cryptonews und Bibelversen (kein Scheiß). Weiter geht es mit der brandheißen Info, dass die Antifa und BLM-Protestierenden für die Waldbrände in den USA verantwortlich sind. SaltyCracker, der Kanal hinter diesem Verschwörungsmythos, wurde übrigens von LBRY über die wöchentlichen Empfehlungen New and Notable promoted 🙄 Und das waren nur die ersten drei Videos…

Der Bullshit lauert ĂĽberall permalink

Gut, die meisten dieser Inhalte gibt es auch auf YouTube zu sehen und dort erreichen die Videos eine wesentlich größere Zielgruppe. Aber immerhin schafft YouTube es halbwegs, die Verschwörungsmythen aus den Empfehlungen unbescholtener Nutzer:innen herauszuhalten. Auf LBRY landen regelmäßig problematische Inhalte in den Related Videos zu sauber recherchierten, wissenschaftlich fundierten Videos. So zum Beispiel bei diesem Video von Minute Physics, der neben YouTube auch offiziell auf LBRY hochlädt:

Offener Videoplayer mit Bullshit in der Related-Sektion

Neben einem Video mit dem Titel „Why Masks Work BETTER Than You’d Think“ das Video „Wake Up! Masks Don’t Work“ zu platzieren, halte ich für gefährlich. Im schlimmsten Fall lebensgefährlich.

Dass der Content für einen Algorithmus irgendwie zusammengehört, verstehe ich ja noch. Immerhin steht da bei beiden was mit „Masks“. Aber nicht einmal meine Urlaubsfotos sind vor dem Geschwurbel sicher.

Landschaftsbild in LBRY, links in den Empfehlungen Videos zu Verschwörungsmythen und Fake News, z. B. "Press for Truth Presents: 9/11 Decade of Deception" und "CNN says 93 % of BLM Riots are Peaceful as They Terrorize Rochester NY"

Rooftops of Tubingen habe ich das Bild betitelt, die Beschreibung lautet A wonderful view over the roofs of Tubingen. Wie zur Hölle kommt der LBRY-Algorithmus denn darauf, dass „9/11 Decade of Deception“ oder literally irgendwas vom rechten Schwurbler SaltyCracker auch nur entfernt „Related“ zu diesem Bild ist?

Der Silberstreif am Horizont permalink

LBRY (das Unternehmen) scheint zu wissen, dass sie viele potenzielle Nutzer:innen abschrecken und nicht zuletzt auch Geschäftsmöglichkeiten verpassen, wenn sie derart auf ihre Neutralität pochen. Ende August hieß es in einem Blogpost, man werde die LBRY Apps und das Unternehmen in eine andere Richtung lenken. Das Unternehmen möchte sich mainstreamtauglicher aufstellen und die Nutzungserfahrung regionalisieren. Die erste Ausgeburt hiervon ist Odysee.com, einer – scheinbar – kuratierten Variante von LBRY.tv.

Bis solche Lösungen fertig implementiert und etabliert sind, muss man auf der Plattform eben sehr genau schauen, wohin man klickt und wem man glaubt.

Wer LBRY ausprobieren und mir gleichzeitig zu ein paar LBC verhelfen möchte, kann sich unter diesem Link für die Plattform registrieren: https://lbry.tv/$/invite/@haqfleisch:6.