Meine Erfahrungen mit Bullet Journaling

Martin Schmitz, — 7 Minuten Lesezeit

Ich mag Produktivitäts-Hacks sehr gerne: „Productivity“ war eine der ersten Kategorien, die ich auf Medium regelmäßig gelesen habe. Die meisten dieser Artikel behandelten Getting Things Done, eine Organisations- und Produktivitätsmethode, in der es grob gesagt darum geht, große Aufgaben in kleine, durchführbare Aufgaben runterzubrechen. Die Idee ist, dass zum Beispiel „Wohnung schöner machen“ ein zu grobes und ungenaues Ziel ist. Wenn man dieses Ziel aber auf mehrere Unterziele runterbricht — Wandfarbe raussuchen, für Einrichtungsstil entscheiden, Budget planen, in Möbelhäusern gucken — wird die Aufgabe plötzlich machbar. Aus der nur schwer zu greifenden Idee einer schönen Wohnung sind viele kleine Schritte geworden, die man Stück für Stück abarbeiten kann.

Aber abgesehen davon, dass das Buch zu GTD nicht wirklich gut zu lesen war, habe ich irgendwann gemerkt, dass ich immer mehr Zeit in die Organisation meiner Aufgaben gesteckt habe – und zwar so viel Zeit, dass ich trotz der besseren Organisation nicht mehr geschafft habe. GTD verlangt von einem, jede noch so kleine Aufgabe, die im Kopf rumschwirrt, Aufgaben rigoros zu kategorisieren, taggen, schätzen und umzusortieren. Im Buch werden Tags wie „niedriges Energielevel“/„hohes Energielevel“ vorgeschlagen, um zum Beispiel nach einem anstrengenden Tag noch Aufgaben zu finden, die man noch erledigen könnte: Selbstoptimierung above all.

Während ich mit verschiedenen To do-Apps kämpfte, habe ich immer wieder im Buchladen vor Notizbüchern gestanden und mir auch irgendwann selbst eins gekauft. Die Idee eines analogen Notizbuchs hat mich irgendwie fasziniert. Ich hatte Bilder im Kopf von großen Autor*innen, die ihre Werke in zerfledderten Kladden verfassten; Ärztinnen und Wissenschaftler, die in Laborkitteln über ihre Schreibtische gebeugt notieren, was sie gefunden haben.

Nun hatte ich zwar ein Notizbuch, wusste aber nicht wirklich was damit anzufangen. Am Anfang habe ich probiert, ganz klassisch Tagebuch zu führen. Im Fließtext schrieb ich, was den Tag über passiert ist, hab mir aber beim Schreiben schon gedacht, dass ich mir das nie wieder durchlesen würde. Außerdem fehlten mir auch einfach die Umgangsformen fürs Tagebuch-schreiben: „Liebes Tagebuch“ wird man als 20-Jähriger Kowi-Student eher nicht mehr schreiben, oder?

Anfang des Jahres entdeckte ich dann die Bullet Journal-Methode wieder fĂĽr mich. Die hatte ich zwar vor zwei Jahren schon einmal probiert, damals aber nur fĂĽr knapp einen Monat durchgezogen. Inzwischen bin ich aber schon seit fĂĽnf Monaten dabei und habe herausgefunden, wie ich die Methode am besten fĂĽr mich nutzen kann.

Bullet Journaling ist einfach permalink

Gerade nach dem GTD-Wust (mit dem ich mich rückblickend viel zu lange beschäftigt habe) ist Bullet Journaling wunderbar entschleunigend. Das System gibt drei Typen von Einträgen vor: Aufgaben, Ereignisse und Gedanken.

Diese drei Typen bilden die Grundlage für das Rapid Logging. Das ist nur ein fancy Ausdruck für „Das Buch liegt im Grunde den ganzen Tag über offen neben mir, und wenn mir etwas einfällt, trage ich das direkt dort ein.“ Das sorgt dafür, dass ich meine Arbeit nicht unterbrechen muss, nur weil mir gerade ein anderer Gedanke kam: einfach kurz zwei, drei Stichpunkte aufschreiben und fertig. Ich muss nicht die passende To Do-Liste raussuchen, die Aufgabe keinem Projekt zuordnen und ich habe auch keine überquellende Inbox mehr, in der sich unsortierte Aufgaben sammeln.

Morgens und Abends geht nimmt man sich dann etwa fünf Minuten Zeit, um über die Einträge zu gehen (im System heißt das Reflection). Morgens geht man dabei die Einträge des aktuellen Monats durch, um sich einen Überblick über anstehende Aufgaben und Ereignisse zu verschaffen. Abends geht man dann über die Einträge des Tages, hakt Erledigtes ab, trägt Vergessenes nach, überträgt Termine in den Kalender und und und.

Am Ende jeden Monats gibt es dann die Migration in den nächsten Monat. Dafür geht man noch einmal alles durch, was man im vergangenen Monat notiert hat, überträgt Wichtiges in den nächsten Monat, plant noch unerledigte Aufgaben ein und beginnt dann von Neuem. Bei allem, was noch offen ist, überlege ich dabei automatisch: Ist mir diese Notiz noch wichtig genug, um sie noch einmal im nächsten Monat aufzuschreiben? Wenn es mir diese Mühe nicht wert ist, wird die Aufgabe nicht wichtig, die Idee nicht gut genug sein, um sie weiter zu verfolgen. Im Gegensatz dazu habe ich in Todoist immer nur auf den „überfällige Aufgaben auf Heute verschieben“-Button geklickt — damit verschwand die Zahl an überfälligen Aufgaben, wirklich ausgesiebt habe ich meine Todoist-Liste allerdings nie.

Ein Notizbuch ist außerdem wahnsinnig gut an die eigenen Bedürfnisse anzupassen. Bei schwierigen Entscheidungen malt man einen Strich senkrecht über die Seite und hat eine Pro/Contra-Liste. Bevor man in den Urlaub fährt, schreibt man sich auf eine Seite eine Checkliste, die man beim Packen nach und nach abarbeitet. Und wenn man auf eine größere Investition hin spart, kann man einfach auf einer Doppelseite eine Liste mit monatlichen Ein- und Ausgaben führen, auf der man übersichtlich Sparpotenzial ausmachen kann.

Reflection und Migration sind der SchlĂĽssel zum Erfolg permalink

Als ich das erste Mal Bullet Journaling probiert habe, hatte ich die Idee des Rapid Loggings schnell verinnerlicht. Allerdings habe ich die Migration am Ende des Monats eher halbherzig gemacht — und die täglichen Reflections gar nicht. Ich glaube, dass mich das System deshalb zuerst nicht überzeugen konnte: In meinen zahlreichen Apps hatte ich immer zuverlässig Reminder eingestellt, die mich an Deadlines, Termine und Abgaben erinnerten. Mein Notizbuch hatte das natürlich nicht; und weil ich mich anfangs nicht konsequent dazu aufraffen konnte, täglich zwei Mal den gesamten Monat durchzublättern, habe ich bei diesem ersten Versuch zu häufig wichtige Termine oder Aufgaben vergessen.

Außerdem hat Social Media unerfüllbare Schönheitsideale an mein Journal gesetzt. Wer mal auf Instagram, Pinterest und co. nach Hashtags wie „#bulletjournal“ schaut, findet vor allem wahnsinnig aufwändig gestaltete Monatsübersichten, Finanz-Tracker, Urlaubsplaner, Leselisten, … Das ließe sich fast beliebig fortführen. Und weil nahezu alle Internet-Ergebnisse mir ein solches, für mich unerreichbares, Journal als Ideal vorgaukelten, habe ich relativ schnell aufgehört, mir Mühe mit meinem zu geben. [1]

Bei meinem zweiten Anlauf habe ich mich dann gar nicht mehr an solchen Bildern orientiert, sondern fĂĽr mich selbst entschieden, was funktioniert und was nicht. Und siehe da: man kann sein Leben auch organisieren, ohne mehrere Stunden am Tag hĂĽbsche Bilder in sein Notizbuch zu zeichnen.

Ein BuJo, wie man es so im Internet siehtEin BuJo, wie man es so im Internet sieht. Quelle: Pexels.com

Mein Fazit zum Bullet Journal permalink

Mir persönlich hat mein Journal sehr dabei geholfen, den Uni- und Arbeitsstress zu packen und wesentlich seltener von anfallenden Aufgaben oder Deadlines überrascht zu werden als noch vor einigen Jahren. Das Schreiben per Hand entschleunigt und zwingt mich gleichzeitig dazu, mich intensiver mit den Inhalten auseinander zu setzen. Mit dem Notizbuch an sich muss ich mich gleichzeitig viel weniger beschäftigen als mit all den Apps, die ich ständig meinen Bedürfnissen anpassen musste. Ich habe unzählige Sub-Reddits gewälzt, um z.B. Notion oder Todoist genau an meine Bedürfnisse anzupassen — nur um alles wieder über den Haufen werfen zu müssen, als ich dann plötzlich vor einer minimal anderen Aufgabe stand. Und, last but not least, eine Aufgabe so richtig echt abzuhaken oder durchzustreichen fühlt sich einfach immer besser an, als auf einem kleinen Touchscreen auf ein Häkchen zu drücken.


  1. Aufmerksame Lesende erkennen vielleicht Parallelen zu anderen, von Social Media ausgelösten Problemen. ↩︎